Auf einem Bein kann man nicht stehen

Säulen nie einsam

Vodafone hat ihre Töchter verglichen. Wie schnell sie gewachsen sind. In den Regionen der Welt. In USA wohnt nur eine Tochter. Sie wurde trotzdem verglichen. Womit eigentlich? Sieht ziemlich lustig aus. Solosäule.

Umsatzwachstum Geschäftsjahr 2008/2009 (links) und 2009/2010 (rechts).
Quelle:
Vodafone Group Plc Annual Reports 31 March 2009, Seite 11, bzw. 31 March 2010, Seite 11.

Verstehe schon: Der Grafiker war in Not. Alles sollte einheitlich aussehen. Was kann man tun? Global skalieren. Dann stimmt es wieder. Und eine Säule ist allein, aber nicht mehr einsam.

Im Geschäftsbericht 2010/2011 keine einsamen Säulen mehr, aber lustige Anregungen. Schreib dahinter, ob es „growth“ oder „decrease“ war. Schon bist Du nirgends minus.

Play fair

Scheren meiden

William Playfair hat Balken, Säulen, Torten erfunden. Vor mehr als 200 Jahren. Und viele Zeitreihen gemalt.

Malen alle noch immer so. Das ist oft schlecht. Zum Beispiel hat William das gemalt. Oben: England kauft in Asien ein. Unten: Asien kauft in England ein. Die Engländer ärgern sich.


Exporte und Importe.

Man denkt: Schere geht auf, auf, auf, bleibt auf, bissi zu, richtig zu. Ab 1755 endlich parallel, parallel, parallel. Ab 1765 wieder auf, auf, auf. Ist aber nicht so.


Orangefarbene Linien von mir. Klick zum Vergrößern.

Man sieht den Höcker nicht. Weil wir waagrecht eine Parallele sehen. Und senkrecht schauen müssten. Ziemlich anstrengend. Macht unser Auge nur, wenn wir den Trick kennen. Meint er auch.

Die FAZ hat es gemacht wie William. Und wir sehen viele Höcker nicht. Hat ihn auch gestört. Die FAZ hat es gemerkt. Und eine zweite Grafik gemalt. Da sieht man es aber auch nicht gut. Weil die roten Säulen nicht bei Null starten. Sondern bei Blau.

Amerikas Handelsstreit mit China: Warenhandel Amerika mit China und Amerikas Handelsbilanzsaldo. - Quelle: FAZ, 27.09.2010, Seite 13.
Quelle: FAZ, 27.09.2010, Seite 13. Und bei ihm.

Wieder fehlt das Saldo und man glaubt an Scheren, wo die so gar nicht sind.

Saldo aus Import und Export als Prozentsatz des gesamten Handelsvolumens von 1960 bis 2010.
Quelle: bei ihm.

Lass William öfter in der Mottenkiste. Nicht alles, was alle lange machen, ist gut.

Untertreibung übertrieben

Anteil als Anteil

Standard & Poor’s gibt Japan schlechtere Noten. AA‑ statt AA. Japan gibt mehr aus, als es verdient. Und ist zu alt. Das soll diese Grafik im Journal zeigen.

Graying population. - Quelle: Wall Street Journal Europe, 28.01.2011, Seite 15.
Quelle: Wall Street Journal Europe, 28.01.2011, Seite 15.

Zähl mal die Pixel. Die alten Japaner werden dreimal so hoch. Alle Japaner nur 20 Prozent höher. Trotzdem sieht beides fast gleich steil aus. Oder flach. Weil: Zwei Entwicklungen vergleichen, ist schwierig. Auf verschiedenen Niveaus ganz schwierig. Das wissen wir schon lange. Und es gilt auch für Anteile.

Hier versteht man, was S&P meint. Weil: Es wird nur der Anteil gezeigt. Verglichen mit anderen Anteilen. Und nicht mit sich selbst.

Proportion of Elderly Population by Country (Aged 65 years and over). - Quelle: Statistics Bureau of Japan (Hrsg.), The Statistical Handbook of Japan 2010,Chapter 2: Population.
Quelle: Statistics Bureau of Japan (Hrsg.), The Statistical Handbook of Japan 2010, Chapter 2: Population. Hier Fünfundsechzigjährige und längerer Zeitraum. Macht aber nix.

Relativ gleich

Gleicher Unterschied gleicher Winkel

Unser Auge versteht Linien so: flache Linie = wenig Veränderung. Schräge Linie = mehr Veränderung. Sehr schräge Linie = viel mehr Veränderung.

Hier geht das schief. Man meint nämlich, rechts steigt stärker als links. Ist aber nicht so.

Weil die Skalen willkürlich sind. Und nicht zusammenpassen.

Hier klappt es:

Warum? Weil beide Skalen die gleiche relative Veränderung umfassen:

(12–8)/8 = 0,5. Und (120–80)/80 = 0,5.

Hier klappt es nicht:


Quelle: SZ, Nr. 137, 18.06.2010, Seite 22.

Weil die Skalen willkürlich sind. Und nicht zusammenpassen. Wie jeden Tag in vielen Zeitungen. Zum Beispiel auch in der FTD. Und. Und. Und.

Verbieten verboten

Schneide Linien ruhig die Füße ab

Heute wird’s didaktisch. Ich hab mal rumgeschnippelt:


Quelle: Handelsblatt, Nr. 83, 30.04.2009, Seite 1, von mir bearbeitet. Klick fürs Original.

Links finden viele richtig skaliert. Sie denken: Die Null muss drin sein. Egal, ob Linien oder Säulen – abschneiden verboten.

Aber: Die Null ist nicht der Meeresspiegel. Rechts nutzt den Platz maximal aus, um die Veränderungen anzuschauen. Oft ist das wichtig. Alle anderen Skalierungen steilen die Kurve mehr oder weniger. Und zeigen die Details mehr oder weniger. Dass die Veränderung größer als 50 % ist, sieht man weder links noch rechts von selbst. Das schreibt man besser hin.

Jedenfalls gilt: Linien die Füße abschneiden ist nicht verboten. Schnippschnapp.

Bild Dir Deine Steigung

Gleicher Unterschied gleicher Winkel

Eine gute Nachricht: mehr lesen Bella, weniger lesen Bild. Den Spiegel hat es gefreut. So sehr, dass –24 Prozent steiler ist als –31 Prozent. Ich hab drüber gemalt, wie es richtig aussehen müsste (Klick zum Vergrößern).

Quelle: Der Spiegel, Nr. 10, 02.03.2009, Seite 87.
Der Spiegel, Nr. 10, 02.03.2009, Seite 87.

 

Gute Nachrichten aus der Wall Street

Brenne Balken nicht die Köpfe ab

Das Wall Street Journal (23.10.2008) macht es richtig. Nichts abgeschnitten. Die Royal Bank of Scotland verliert. Fast 14 %. Das sieht man. Die Katastrophe so lang, wie die Spalte breit ist.

Ganz anders hier: Bei der Süddeutschen Zeitung (23.10.2008) verzittern von 50 Stoxx-Balken 29 im Pixel-Nebel.

Denn: Für nervöse Anleger schneidet die Süddeutsche alles über 5 % grundsätzlich ab. Natürlich auch die 15,25 %, die Repsol verloren hat.

Liebe SZ, jetzt habt Ihr doch so schöne Grafische Tabellen. Warum macht Ihr das?

Das Papier war zu kurz

Linien können Säulen sein

Linien ohne Nullpunkt können okay sein. Säulen nicht. Überraschung: Diese Linien enden in einer Säule. Wegen der Kästen und der Seitenlinie.

Angie, Guido, Kurt, Erwin und Oskar
Quelle: Focus, Nr. 20/2008, 10.05.2008, Seite 16.

Drum gilt hier, was für Säulen gilt. Das Proportionalitätsgesetz. Also: Mehr als 70 Prozent der Bürger sind zufrieden mit Angela. Mit Guido 39. Mit Oskar 19. Der Helmut vom Focus mag die Angela. Sehr. Drum sind im Focus 71 geteilt durch 19 nicht 3,7, sondern 6,7. Die 19 Prozent vom Oskar sind 1 cm von der Nulllinie entfernt. Wenn es richtig gemalt wäre, dann wären Angelas 71 Prozent bei 3,7 cm auf der Skala. Sind sie aber nicht. Sind bei 6,7 cm. Übertreibung um den Faktor 1,8. Also fast doppelt falsch. Wenn das Papier zu kurz ist, darf man verkleinern. Abschneiden darf man hier nicht.

Komisch auch die Beschriftung. Neben dem Guido steht nichts. Neben dem Kurt steht Guido. Neben dem Erwin Oskar. Neben dem Oskar Erwin.

Du sollst nicht kupieren

Säulen nicht wegschneiden, Balken nicht abschneiden

Nochmal. Mein Proportionalitätsgesetz. Die Idee von Balken‑ und Säulengrafiken ist: Wertverhältnisse durch Längenverhältnisse abbilden. Proportional. Proportional. Proportional.

Über Schwindelraster bei Zeitachsen habe ich schon gejault. Die sind Manipulation. Das Beispiel unten ist noch raffinierter. Auf den ersten Blick meint man: So ein netter Mann – sagt dazu, dass er die Daten nicht hatte. Falsch. Er sagt: „Ich nehme Dich auf den Arm, aber ich sag es dazu.“ Die 2001 suggeriert: 2002, 2003, 2004, 2005 waren genauso. Waren sie das?

Umsatzwachstum
Quelle: Euro, Nr. 06/2007, Seite 42.

Das hier ist Howards Regel „Ignore the visual metaphor altogether“ in Aktion: „Ich bring die Daten zwar nicht aufs Papier, aber ich mal sie trotzdem hin.“ Grafik passt nicht aufs Papier? Nimm eine Tabelle.

Kraftwerke
Quelle: Wirtschaftswoche, Nr. 27, 30.06.2008, Seite 82.

Die Süddeutsche finde ich klasse. Sie ist die erste Zeitung mit Grafischen Tabellen im Börsenteil. Online und auf Papier. Und jetzt das. Die absolut spannendste Information, die Ausreißer, die Kracher, die totalen Verlustbringer, das, was man wissen muss: einfach versteckt.

Grafische Tabelle in der SZ
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 16.07.2008.

Die gute alte Zeit

Schneide Säulen nicht die Füße ab

Wegen Excel schneiden viele ihren Säulen die Füße ab. Und landen in der Grafikhölle. Denn wer schneidet, verzerrt. Wer verzerrt, lügt. Zumindest grafisch. Weil dann die grafische Veränderung nicht mehr proportional zur Wertveränderung ist. Er erklärt das ganz gut anhand eines grafischen Totalschadens in der SportAuto. Ich habe heute ein Beispiel, wie es richtig geht. Aus der Zeit. Die auch manchmal daneben langt.

Die Post streikt – gute Grafiken
Quelle: Die ZEIT, 30.04.2008, Seite 37

Alle meine Regeln sind eingehalten: Zeit läuft von links nach rechts. Die Skala beginnt bei Null. Die Grafik ist proportional zu den Werten. Nichts ist dramatisiert. Kein Schnickschnack. Kein siebenfaches Prozentzeichen. Briefe in Milliarden und nicht in Stück.

In der gleichen Ausgabe noch eine gute Grafik. Strukturen von oben nach unten. Beschriftung, wo sie hingehört: direkt an den Säulen. Zumindest für die Werte. Die „anderen“ hätte ich weggelassen. Die Pünktchen auch.

Die Nachfrage steigt – noch eine gute Grafik
Quelle: Die ZEIT, 30.04.2008, Seite 78.

Übrigens: Bei Liniengrafiken ist alles anders.

Blinde Hühner rechnen besser

Dynamik vor Niveau

Businessgrafiken sind ziemlich fad. Wenn sie funktionieren, ist das eher Zufall. Ein paar einfache Probleme mit Businessgrafiken hat er schon beschrieben. Bei meinem hier braucht es schon mehr Verstand als Glück, um ein Körnchen Wahrheit zu finden.

Drei Datenreihen

Jede Reihe wächst um monatlich denselben absoluten Betrag. Die erste um jeweils 5, die zweite um 25, die dritte um 30. Alle drei wachsen auch prozentual gleich stark. Von Januar auf Februar um 50 Prozent, im nächsten Monat um 33 Prozent, dann 25, 20, 17, 14, 13, 11, 10, 9, 8 Prozent.

Das Auge glaubt etwas anderes. Die untere wächst flau. Selbst die in der Mitte wächst noch weniger als die ganz oben. Und die wächst richtig.

Stimmt alles nicht.

Sparklines können das besser. Mal wieder. Sie würden die erste Reihe so Reihe 1 65 darstellen. Die zweite Reihe so Reihe 2 325. Die dritte so Reihe 3 390. Allgemein: Wenn Du Zeitreihen vergleichen willst, skalierst Du sie besser einzeln. Zusammen in einer Grafik geht meistens nicht.