Kollapsteralschaden

Schneide Säulen nicht die Füße ab

Die Steuereinnahmen kollabieren. Sagt das Handelsblatt. Er findet, 9 Prozent Minus und Kollaps passen nicht zusammen. Ich hab den Artikel auch gelesen. Und wär fast kollabiert.

Deutungspriorität nicht verstanden. Noch mal: Bei Säulen interpretiert man die Längenunterschiede als Wertunterschiede. Darum: nicht abschneiden. Oder: Linien statt Säulen nehmen.

Hat das Handelsblatt nicht gemacht. Siehe links. Müsste es aber. Siehe rechts.

Zenit überschritten - Steuereinnahmen in Mrd. Euro. Quelle: Handelsblatt Nr. 131 vom 13.07.2009, S. 3
Quelle: Handelsblatt, Nr. 131, 13.07.2009, Seite 3. Redesign: ich.

Jetzt war ich ein bisserl misstrauisch und habe die Quelle nachgeschaut. Dort gibt es zwei Schätzungen mehr. Hm.

Grafik aus dem Handelsblatt Nr. 131 vom 13.07.2009, S. 3, erweitert um die Schätzwerte für 2012 und 2013
Redesign: ich.

SZ Today

Früher ist links, nie oben

Apropos Medienkompetenz: Mich laust der Löwe. Der Leo von der Süddeutschen hat Breite, Höhe, Position. Bedeutet aber nix. Hundert Prozent können unten in der Mitte stehen. Oder oben in der Mitte. Oder in der Mitte rechts. Bedeutet auch nix.

SZ vom 29.04.2009, S. 31
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 29.04.2009, Seite 31. Klick zum Vergrößern.

Selbe Ausgabe: das Ansteigen der Jahrestemperatur. Dachte ich. Es steigt aber nicht die Temperatur, sondern das Jahr. Unten ist nicht kalt, sondern 1901. Oben ist warm, aber vor allem 2008. Die Temperatur steht neben dem Jahr. Vor allem: Wie es in den anderen Jahren war, sieht man nicht.

SZ vom 29.04.2009, S. 6
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 29.04.2009, Seite 6. Klick zum Vergrößern.

Frustriert wollte ich fernsehen. Half aber nicht. Die Fernsehzeitung war von der falschen Woche. Die Grafiken waren auch nicht besser. Aber auch nicht schlechter. Du liebe Zecke.

TV Today von 11.04.2009, S. 4
Quelle: TV Today, 11.04.2009, Seite 4.

Du sollst nicht kupieren

Säulen nicht wegschneiden, Balken nicht abschneiden

Nochmal. Mein Proportionalitätsgesetz. Die Idee von Balken‑ und Säulengrafiken ist: Wertverhältnisse durch Längenverhältnisse abbilden. Proportional. Proportional. Proportional.

Über Schwindelraster bei Zeitachsen habe ich schon gejault. Die sind Manipulation. Das Beispiel unten ist noch raffinierter. Auf den ersten Blick meint man: So ein netter Mann – sagt dazu, dass er die Daten nicht hatte. Falsch. Er sagt: „Ich nehme Dich auf den Arm, aber ich sag es dazu.“ Die 2001 suggeriert: 2002, 2003, 2004, 2005 waren genauso. Waren sie das?

Umsatzwachstum
Quelle: Euro, Nr. 06/2007, Seite 42.

Das hier ist Howards Regel „Ignore the visual metaphor altogether“ in Aktion: „Ich bring die Daten zwar nicht aufs Papier, aber ich mal sie trotzdem hin.“ Grafik passt nicht aufs Papier? Nimm eine Tabelle.

Kraftwerke
Quelle: Wirtschaftswoche, Nr. 27, 30.06.2008, Seite 82.

Die Süddeutsche finde ich klasse. Sie ist die erste Zeitung mit Grafischen Tabellen im Börsenteil. Online und auf Papier. Und jetzt das. Die absolut spannendste Information, die Ausreißer, die Kracher, die totalen Verlustbringer, das, was man wissen muss: einfach versteckt.

Grafische Tabelle in der SZ
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 16.07.2008.

Fakten, gelackt

Zeit nicht schrumpfen

„Fakten, Fakten, Fakten“ wollen wir lesen. Aber es gibt so wenige. Statistiken sind oft ungenau. Oder haben Lücken. Prognosen sowieso. Macht nix, sagt die Wirtschaftswoche. Mit breiten Balken und unregelmäßigem Zeitraster sieht das doch faktenmäßig aus. In einer Ausgabe gleich dreimal:

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Quelle: Wirtschaftswoche, Nr. 27, 30.06.2008, Seite 60.

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Redesign: ich

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Quelle: Wirtschaftswoche, selbes Heft, Seite 76.

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Redesign: auch ich

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Quelle: Wirtschaftswoche, selbes Heft, Seite 85.

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Redesign: nochmal ich