Dumm-Chart

Gleicher Unterschied gleicher Winkel

Neulich gelesen. In der Welt. Die macht ihren Lesern Angst. Mit einem Doom Chart. Das ist eine Grafik des Untergangs. Der Aktien. Wie 1929.

Eine denkwürdige Parallele: Ähnlichkeiten vor dem großen Crash von 1929 und heute sind frappierend. Dow Jones in Punkten. Quelle: welt.de, 18.02.2014.
Quelle: welt.de, 18.02.2014.

Die Welt meint: Da wäre eine Parallele. Weil sie falsch skaliert. Aber: Schau mal die Achsen. Links 200 bis 350. Plus 75 Prozent. Rechts 13.000 bis 16.000. Plus 23 Prozent. Das ist gemein. Oder blöd. Oder beides.

So sieht es richtig skaliert aus.

Vergleichbar skalierte Zeitreihen in DeltaMaster.
Quelle: DeltaMaster, vergleichbare Skalierung.

So geht’s auch. Beide Zeiträume übereinander. Am Anfang beide 100. Auch gut. Sieht man aber die Werte nicht mehr.

Normierte Zeitreihen in DeltaMaster.
Quelle: DeltaMaster, normierte Zeitreihe.

Automurks mit Excel 2013

Schneide Säulen nicht die Füße ab

Bei der letzten Version hat er geschimpft. Bei der aktuellen mache ich es. Excel 2013 hat einen schlimmen Fehler. Wie alle Excels vorher. Im Diagrammassistenten. Der schneidet Säulen und Balken die Füße ab. Automatisch. Wenn Werte eng zusammen liegen. Das ist gegen mein Proportionalitätsgesetz.

Achsenoptionen in Microsoft Excel 2013

Deshalb: Schau genau hin. Stell die Achse richtig ein. Bloß nicht automatisch.

Kurz macht lang

Meter meinen, Meter malen

Schlechte Reifen bremsen schlecht. Und brauchen mehr Benzin. Sagt der ADAC. Und hat ein Bild dazu gemalt. Mit Auto und Fahrbahnstrichen. Damit man die Unterschiede beim Bremsen sieht. Gute Idee. Gemessen mit Sachen, die man kennt.

Quelle: ADAC Motorwelt 4/2013, Seite 42.
Quelle: ADAC Motorwelt 4/2013, Seite 42.

Hoppla! Da ist was komisch. Schau mal raus auf die Straße. Ganz schön kurz, so ein Auto. Ganz schön lang, so ein Strich. Wie lang, sagt der Bundesverkehrsminister:

Auf Autobahnen 6 Meter Strich und 12 Meter Lücke.
Sonst 4 Meter Strich und 8 Meter Lücke.
In der Stadt 3 Meter Strich und 6 Meter Lücke.

Der Bremser in der Grafik fährt 80 km/h. Also besser über Land. Für 3 Meter Bremsweg mehr braucht die Grafik so ungefähr 5 Striche und 5 Lücken. 5 x 4 plus 5 x 8 sind 60 Meter.

Messen mit Sachen, die man kennt, ist gut. Dann muss man aber auch damit malen.

Oh! Hakelt.

Wichtiges größer als Kleines

Oracle hat gemalt: Wie zufrieden sind Leute mit Kundendienst? Schau mal.

oracle_alle

Quelle: Oracle. Gefunden bei crmmanager.de. Bei mir als Collage, bei Oracle als Streifen.
Klick zum Vergrößern.

Ich bin nicht zufrieden. Mit der Grafik.

Das Größte ist immer eine Zahl. Wie eine Überschrift. Eine Überschrift sagt das Wichtigste. Funktioniert hier nicht. Weil: Die Zahl bedeutet immer was anderes. Was sie bedeutet, steht daneben. Sehr klein.

Schau nochmal.

Prozentvergleich_600
Quelle: selbst geschnippelt.

Lustig: Verschiedene Prozent können gleich groß sein, größere Prozent können kleiner sein als kleinere Prozent.

Asche wird Staub

Brenne Balken nicht die Köpfe ab

Die Süddeutsche malt Grafische Tabellen. Gut. Schon lange. Seit 2007, glaube ich. Jetzt haben die was geändert. Ich bin schnell zum Kiosk. Und hab sie mir angesehen.

Aktienkurse als Grafische Tabelle in der Süddeutschen Zeitung vom 23.10.2008 (oben) und 07.12.2011 (unten).
Aktienkurse in der Süddeutschen Zeitung. Oben 23.10.2008, unten 07.12.2011.
Balken für Vortagesveränderungen.

Die rechten fünf Spalten sind jetzt breiter. Um fünf Ziffern. Es kamen aber keine dazu. Die Spalte für die Grafik ist jetzt schmäler. Und wird noch weniger ausgenutzt.

Ich wollte es genauer wissen und bin ganz nah ran. Aua. Aua. Aua. Aua. Aua. Fünf Mal Aua.

Vergrößerung der Balken für Vortagesveränderungen. Quelle: Süddeutschen Zeitung vom 23.10.2008 (oben) und 07.12.2011 (unten).
Asche statt länger, ab ca. 5 Prozent.
Oben 2008, unten 2011. Darstellung vergrößert.

Erstes Aua: Die SZ schneidet Balken die Köpfe ab. Ab ca. 5 Prozent. Und malt Asche hin. Früher schon. Immer noch. Dann ist 13,86 so groß wie 7,23. Schämt euch.

Zweites Aua: Die Asche macht größere Werte kleiner als kleinere. Die 4,80 wirkt länger als die 6,26.

Drittes Aua: Die neue Asche ist Staub. Abgeschnitten oder nicht? Mit Lupe sieht man es. Ohne nicht.

Balken zur Visualisierung von Vortagesveränderungen von Aktienkursen. Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 23.10.2008 (links) und 07.12.2011 (Mitte), Redesign von Bella.
Ausschnitte von oben. Links 2008, Mitte 2011, rechts: Redesign von mir.

Viertes Aua: Die Balken sind kürzer als sie könnten. Abgeschnitten oder nicht. Früher schon. Immer noch. Und jetzt noch kürzer. Ich hab gescannt. Und Pixel gezählt. Früher gab’s 45 Pixel für 3,4 %. Jetzt gibt es nur noch 25 Pixel dafür.

Fünftes Aua: Richtig wäre einfach. Ich hab’s hingemalt, rechts.

Play fair

Scheren meiden

William Playfair hat Balken, Säulen, Torten erfunden. Vor mehr als 200 Jahren. Und viele Zeitreihen gemalt.

Malen alle noch immer so. Das ist oft schlecht. Zum Beispiel hat William das gemalt. Oben: England kauft in Asien ein. Unten: Asien kauft in England ein. Die Engländer ärgern sich.


Exporte und Importe.

Man denkt: Schere geht auf, auf, auf, bleibt auf, bissi zu, richtig zu. Ab 1755 endlich parallel, parallel, parallel. Ab 1765 wieder auf, auf, auf. Ist aber nicht so.


Orangefarbene Linien von mir. Klick zum Vergrößern.

Man sieht den Höcker nicht. Weil wir waagrecht eine Parallele sehen. Und senkrecht schauen müssten. Ziemlich anstrengend. Macht unser Auge nur, wenn wir den Trick kennen. Meint er auch.

Die FAZ hat es gemacht wie William. Und wir sehen viele Höcker nicht. Hat ihn auch gestört. Die FAZ hat es gemerkt. Und eine zweite Grafik gemalt. Da sieht man es aber auch nicht gut. Weil die roten Säulen nicht bei Null starten. Sondern bei Blau.

Amerikas Handelsstreit mit China: Warenhandel Amerika mit China und Amerikas Handelsbilanzsaldo. - Quelle: FAZ, 27.09.2010, Seite 13.
Quelle: FAZ, 27.09.2010, Seite 13. Und bei ihm.

Wieder fehlt das Saldo und man glaubt an Scheren, wo die so gar nicht sind.

Saldo aus Import und Export als Prozentsatz des gesamten Handelsvolumens von 1960 bis 2010.
Quelle: bei ihm.

Lass William öfter in der Mottenkiste. Nicht alles, was alle lange machen, ist gut.

Verschnitten

Schneide nicht ab, was hinpasst

Ein Wert hat sich um 2 % verändert. Insgesamt. Ein paar Effekte haben ihn verbessert. Andere ihn verschlechtert. Die Effekte und ihre Unterschiede soll man sehen. Die dürfen nicht kleingequetscht werden. Deswegen sind die 10 Milliarden abgeschnitten. Denkt man.

E.ON Group - Drivers of group Adjusted EBIT 2009 vs. 2008. Quelle: E.ON AG (Hrsg.), Performance and streamlining, April 2010, Seite 17.
E.ON Group – Drivers of group Adjusted EBIT 2009 vs. 2008. Quelle: E.ON AG (Hrsg.), Performance and streamlining, April 2010, Seite 17; PDF. Strichellinien von mir.

Pfui. Wenn was wo nicht hinpasst: weglassen. Oder nachdenken: warum? Vielleicht passt die Form nicht zu den Daten? Oder man hat sich nur verrechnet. So wie hier. Hätte alles gut hingepasst.

Relativ gleich

Gleicher Unterschied gleicher Winkel

Unser Auge versteht Linien so: flache Linie = wenig Veränderung. Schräge Linie = mehr Veränderung. Sehr schräge Linie = viel mehr Veränderung.

Hier geht das schief. Man meint nämlich, rechts steigt stärker als links. Ist aber nicht so.

Weil die Skalen willkürlich sind. Und nicht zusammenpassen.

Hier klappt es:

Warum? Weil beide Skalen die gleiche relative Veränderung umfassen:

(12–8)/8 = 0,5. Und (120–80)/80 = 0,5.

Hier klappt es nicht:


Quelle: SZ, Nr. 137, 18.06.2010, Seite 22.

Weil die Skalen willkürlich sind. Und nicht zusammenpassen. Wie jeden Tag in vielen Zeitungen. Zum Beispiel auch in der FTD. Und. Und. Und.

Flaggen-Origami

Säulen nicht beschneiden

Die Financial Times hat Flaggen gefaltet. Zu Häusle. Auseinandergeschnitten. Und verzerrt. Total. 11 ist fast so groß wie 22. Das mit den Flaggen ist gemein. Das mit der Skalierung gemeiner. Die Grafik ist schlecht und stimmen tut auch nichts. Auch gute Zeitungen muss man kritisch lesen. Man darf nicht blind vertrauen. Keiner Quelle. Egal, wie berühmt. Nicht mal mir.

Quelle: Financial Times, 11.12.2009, Seite 17

Quelle: Financial Times, 11.12.2009, Seite 17.

Kollapsteralschaden

Schneide Säulen nicht die Füße ab

Die Steuereinnahmen kollabieren. Sagt das Handelsblatt. Er findet, 9 Prozent Minus und Kollaps passen nicht zusammen. Ich hab den Artikel auch gelesen. Und wär fast kollabiert.

Deutungspriorität nicht verstanden. Noch mal: Bei Säulen interpretiert man die Längenunterschiede als Wertunterschiede. Darum: nicht abschneiden. Oder: Linien statt Säulen nehmen.

Hat das Handelsblatt nicht gemacht. Siehe links. Müsste es aber. Siehe rechts.

Zenit überschritten - Steuereinnahmen in Mrd. Euro. Quelle: Handelsblatt Nr. 131 vom 13.07.2009, S. 3
Quelle: Handelsblatt, Nr. 131, 13.07.2009, Seite 3. Redesign: ich.

Jetzt war ich ein bisserl misstrauisch und habe die Quelle nachgeschaut. Dort gibt es zwei Schätzungen mehr. Hm.

Grafik aus dem Handelsblatt Nr. 131 vom 13.07.2009, S. 3, erweitert um die Schätzwerte für 2012 und 2013
Redesign: ich.

Medien, kompetent

Fläche ist schwierig

Die Schule ist an allem schuld. Heißt es. Daran aber nicht: dass mit Flächen Unsinn gemalt wird. In der 7. Klasse lernen alle Kinder, wie es richtig und wie es falsch ist. Damit sie medienkompetent werden.

In den beiden Diagrammen wird jeweils die Automobilproduktion für einen Neuwagentyp in den Jahren 2003 und 2004 dargestellt. Vergleiche die beiden Diagramme und nimm insbesondere dazu Stellung, ob sie den Sachverhalt korrekt wiedergeben.
Quelle: Lambacher Schweizer: Mathematik für Gymnasien 7, Seite 122.

Die Lehrer haben ihr Korrekturbuch. Da steht auf Seite 81:

links: quasi Säulendiagramm – Autosymbol entspricht 10.000 Autos; sinnvoll
rechts: Länge und Höhe werden um 66 % größer; Eindruck wird verfälscht, da sich die Fläche dabei mehr als verdoppelt.

Jetzt wünsche ich den medienkompetenten Kindern mehr kompetente Medien.

Potzblitz? Nicht im Journal

Viel darf wie viel aussehen

Im Obama-Jahr: Ja, wir malen! Und zwar Balken so lang, wie sie halt sind. Über die ganze Seite. In Obama-Land ist das kein Problem:

Das Wall Street Journal malt die Balken über die ganze Seite. (Klick drauf für komplett.)

In der Welt hingegen schlägt der Blitz ein (links). Der Blitzeinschlag macht die Grafik absurd. Eine Tabelle wäre dann besser. Ich hab rechts gemalt, wie es richtig wäre.


Quelle: Die Welt, 13.08.2008, Seite 26. Redesign: ich

Gute Nachrichten aus der Wall Street

Brenne Balken nicht die Köpfe ab

Das Wall Street Journal (23.10.2008) macht es richtig. Nichts abgeschnitten. Die Royal Bank of Scotland verliert. Fast 14 %. Das sieht man. Die Katastrophe so lang, wie die Spalte breit ist.

Ganz anders hier: Bei der Süddeutschen Zeitung (23.10.2008) verzittern von 50 Stoxx-Balken 29 im Pixel-Nebel.

Denn: Für nervöse Anleger schneidet die Süddeutsche alles über 5 % grundsätzlich ab. Natürlich auch die 15,25 %, die Repsol verloren hat.

Liebe SZ, jetzt habt Ihr doch so schöne Grafische Tabellen. Warum macht Ihr das?

Du sollst nicht kupieren

Säulen nicht wegschneiden, Balken nicht abschneiden

Nochmal. Mein Proportionalitätsgesetz. Die Idee von Balken‑ und Säulengrafiken ist: Wertverhältnisse durch Längenverhältnisse abbilden. Proportional. Proportional. Proportional.

Über Schwindelraster bei Zeitachsen habe ich schon gejault. Die sind Manipulation. Das Beispiel unten ist noch raffinierter. Auf den ersten Blick meint man: So ein netter Mann – sagt dazu, dass er die Daten nicht hatte. Falsch. Er sagt: „Ich nehme Dich auf den Arm, aber ich sag es dazu.“ Die 2001 suggeriert: 2002, 2003, 2004, 2005 waren genauso. Waren sie das?

Umsatzwachstum
Quelle: Euro, Nr. 06/2007, Seite 42.

Das hier ist Howards Regel „Ignore the visual metaphor altogether“ in Aktion: „Ich bring die Daten zwar nicht aufs Papier, aber ich mal sie trotzdem hin.“ Grafik passt nicht aufs Papier? Nimm eine Tabelle.

Kraftwerke
Quelle: Wirtschaftswoche, Nr. 27, 30.06.2008, Seite 82.

Die Süddeutsche finde ich klasse. Sie ist die erste Zeitung mit Grafischen Tabellen im Börsenteil. Online und auf Papier. Und jetzt das. Die absolut spannendste Information, die Ausreißer, die Kracher, die totalen Verlustbringer, das, was man wissen muss: einfach versteckt.

Grafische Tabelle in der SZ
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 16.07.2008.