Quacksilber

Schneide Säulen nicht die Füße ab

Kuck mal. Temperatur. In Paris. Der Sommer ist vorbei.

Wetter-App von Meteo France
Quelle: Wetter-App von Meteo France.

Hab mich erst gefreut. Über das Wolkenglühen. Und über Punktsäulen (Williams Dot Plots*). Dachte, die wären sogar logarithmisch. Sind sie aber nicht.

So hätten sie mit Null ausgesehen.

Punktsäulen (Dot Plots) logarithmisch mit Null (Quelle: DeltaMaster)
Punktsäulen (Dot Plots) logarithmisch mit Null. Quelle: DeltaMaster.

Und so hätten sie ausgesehen von Min bis Max. Also abgeschnitten. Abschneiden erlaubt.

Punktsäulen (Dot Plots) logarithmisch Min bis Max (Quelle: DeltaMaster)
Punktsäulen (Dot Plots) logarithmisch Min bis Max. Quelle: DeltaMaster.

Sie sehen aber so aus. Abgeschnitten. Abschneiden verboten.

temperatur_paris_abgeschnitten

Hm. Die spinnen, die Meteoten.

* Cleveland, W. S., The Elements of Graphing Data, Murray Hill 1994.

Asche wird Staub

Brenne Balken nicht die Köpfe ab

Die Süddeutsche malt Grafische Tabellen. Gut. Schon lange. Seit 2007, glaube ich. Jetzt haben die was geändert. Ich bin schnell zum Kiosk. Und hab sie mir angesehen.

Aktienkurse als Grafische Tabelle in der Süddeutschen Zeitung vom 23.10.2008 (oben) und 07.12.2011 (unten).
Aktienkurse in der Süddeutschen Zeitung. Oben 23.10.2008, unten 07.12.2011.
Balken für Vortagesveränderungen.

Die rechten fünf Spalten sind jetzt breiter. Um fünf Ziffern. Es kamen aber keine dazu. Die Spalte für die Grafik ist jetzt schmäler. Und wird noch weniger ausgenutzt.

Ich wollte es genauer wissen und bin ganz nah ran. Aua. Aua. Aua. Aua. Aua. Fünf Mal Aua.

Vergrößerung der Balken für Vortagesveränderungen. Quelle: Süddeutschen Zeitung vom 23.10.2008 (oben) und 07.12.2011 (unten).
Asche statt länger, ab ca. 5 Prozent.
Oben 2008, unten 2011. Darstellung vergrößert.

Erstes Aua: Die SZ schneidet Balken die Köpfe ab. Ab ca. 5 Prozent. Und malt Asche hin. Früher schon. Immer noch. Dann ist 13,86 so groß wie 7,23. Schämt euch.

Zweites Aua: Die Asche macht größere Werte kleiner als kleinere. Die 4,80 wirkt länger als die 6,26.

Drittes Aua: Die neue Asche ist Staub. Abgeschnitten oder nicht? Mit Lupe sieht man es. Ohne nicht.

Balken zur Visualisierung von Vortagesveränderungen von Aktienkursen. Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 23.10.2008 (links) und 07.12.2011 (Mitte), Redesign von Bella.
Ausschnitte von oben. Links 2008, Mitte 2011, rechts: Redesign von mir.

Viertes Aua: Die Balken sind kürzer als sie könnten. Abgeschnitten oder nicht. Früher schon. Immer noch. Und jetzt noch kürzer. Ich hab gescannt. Und Pixel gezählt. Früher gab’s 45 Pixel für 3,4 %. Jetzt gibt es nur noch 25 Pixel dafür.

Fünftes Aua: Richtig wäre einfach. Ich hab’s hingemalt, rechts.

Verschnitten

Schneide nicht ab, was hinpasst

Ein Wert hat sich um 2 % verändert. Insgesamt. Ein paar Effekte haben ihn verbessert. Andere ihn verschlechtert. Die Effekte und ihre Unterschiede soll man sehen. Die dürfen nicht kleingequetscht werden. Deswegen sind die 10 Milliarden abgeschnitten. Denkt man.

E.ON Group - Drivers of group Adjusted EBIT 2009 vs. 2008. Quelle: E.ON AG (Hrsg.), Performance and streamlining, April 2010, Seite 17.
E.ON Group – Drivers of group Adjusted EBIT 2009 vs. 2008. Quelle: E.ON AG (Hrsg.), Performance and streamlining, April 2010, Seite 17; PDF. Strichellinien von mir.

Pfui. Wenn was wo nicht hinpasst: weglassen. Oder nachdenken: warum? Vielleicht passt die Form nicht zu den Daten? Oder man hat sich nur verrechnet. So wie hier. Hätte alles gut hingepasst.

Flaggen-Origami

Säulen nicht beschneiden

Die Financial Times hat Flaggen gefaltet. Zu Häusle. Auseinandergeschnitten. Und verzerrt. Total. 11 ist fast so groß wie 22. Das mit den Flaggen ist gemein. Das mit der Skalierung gemeiner. Die Grafik ist schlecht und stimmen tut auch nichts. Auch gute Zeitungen muss man kritisch lesen. Man darf nicht blind vertrauen. Keiner Quelle. Egal, wie berühmt. Nicht mal mir.

Quelle: Financial Times, 11.12.2009, Seite 17

Quelle: Financial Times, 11.12.2009, Seite 17.

Verbieten verboten

Schneide Linien ruhig die Füße ab

Heute wird’s didaktisch. Ich hab mal rumgeschnippelt:


Quelle: Handelsblatt, Nr. 83, 30.04.2009, Seite 1, von mir bearbeitet. Klick fürs Original.

Links finden viele richtig skaliert. Sie denken: Die Null muss drin sein. Egal, ob Linien oder Säulen – abschneiden verboten.

Aber: Die Null ist nicht der Meeresspiegel. Rechts nutzt den Platz maximal aus, um die Veränderungen anzuschauen. Oft ist das wichtig. Alle anderen Skalierungen steilen die Kurve mehr oder weniger. Und zeigen die Details mehr oder weniger. Dass die Veränderung größer als 50 % ist, sieht man weder links noch rechts von selbst. Das schreibt man besser hin.

Jedenfalls gilt: Linien die Füße abschneiden ist nicht verboten. Schnippschnapp.

Kollapsteralschaden

Schneide Säulen nicht die Füße ab

Die Steuereinnahmen kollabieren. Sagt das Handelsblatt. Er findet, 9 Prozent Minus und Kollaps passen nicht zusammen. Ich hab den Artikel auch gelesen. Und wär fast kollabiert.

Deutungspriorität nicht verstanden. Noch mal: Bei Säulen interpretiert man die Längenunterschiede als Wertunterschiede. Darum: nicht abschneiden. Oder: Linien statt Säulen nehmen.

Hat das Handelsblatt nicht gemacht. Siehe links. Müsste es aber. Siehe rechts.

Zenit überschritten - Steuereinnahmen in Mrd. Euro. Quelle: Handelsblatt Nr. 131 vom 13.07.2009, S. 3
Quelle: Handelsblatt, Nr. 131, 13.07.2009, Seite 3. Redesign: ich.

Jetzt war ich ein bisserl misstrauisch und habe die Quelle nachgeschaut. Dort gibt es zwei Schätzungen mehr. Hm.

Grafik aus dem Handelsblatt Nr. 131 vom 13.07.2009, S. 3, erweitert um die Schätzwerte für 2012 und 2013
Redesign: ich.

Potzblitz? Nicht im Journal

Viel darf wie viel aussehen

Im Obama-Jahr: Ja, wir malen! Und zwar Balken so lang, wie sie halt sind. Über die ganze Seite. In Obama-Land ist das kein Problem:

Das Wall Street Journal malt die Balken über die ganze Seite. (Klick drauf für komplett.)

In der Welt hingegen schlägt der Blitz ein (links). Der Blitzeinschlag macht die Grafik absurd. Eine Tabelle wäre dann besser. Ich hab rechts gemalt, wie es richtig wäre.


Quelle: Die Welt, 13.08.2008, Seite 26. Redesign: ich

Gute Nachrichten aus der Wall Street

Brenne Balken nicht die Köpfe ab

Das Wall Street Journal (23.10.2008) macht es richtig. Nichts abgeschnitten. Die Royal Bank of Scotland verliert. Fast 14 %. Das sieht man. Die Katastrophe so lang, wie die Spalte breit ist.

Ganz anders hier: Bei der Süddeutschen Zeitung (23.10.2008) verzittern von 50 Stoxx-Balken 29 im Pixel-Nebel.

Denn: Für nervöse Anleger schneidet die Süddeutsche alles über 5 % grundsätzlich ab. Natürlich auch die 15,25 %, die Repsol verloren hat.

Liebe SZ, jetzt habt Ihr doch so schöne Grafische Tabellen. Warum macht Ihr das?

Du sollst nicht kupieren

Säulen nicht wegschneiden, Balken nicht abschneiden

Nochmal. Mein Proportionalitätsgesetz. Die Idee von Balken‑ und Säulengrafiken ist: Wertverhältnisse durch Längenverhältnisse abbilden. Proportional. Proportional. Proportional.

Über Schwindelraster bei Zeitachsen habe ich schon gejault. Die sind Manipulation. Das Beispiel unten ist noch raffinierter. Auf den ersten Blick meint man: So ein netter Mann – sagt dazu, dass er die Daten nicht hatte. Falsch. Er sagt: „Ich nehme Dich auf den Arm, aber ich sag es dazu.“ Die 2001 suggeriert: 2002, 2003, 2004, 2005 waren genauso. Waren sie das?

Umsatzwachstum
Quelle: Euro, Nr. 06/2007, Seite 42.

Das hier ist Howards Regel „Ignore the visual metaphor altogether“ in Aktion: „Ich bring die Daten zwar nicht aufs Papier, aber ich mal sie trotzdem hin.“ Grafik passt nicht aufs Papier? Nimm eine Tabelle.

Kraftwerke
Quelle: Wirtschaftswoche, Nr. 27, 30.06.2008, Seite 82.

Die Süddeutsche finde ich klasse. Sie ist die erste Zeitung mit Grafischen Tabellen im Börsenteil. Online und auf Papier. Und jetzt das. Die absolut spannendste Information, die Ausreißer, die Kracher, die totalen Verlustbringer, das, was man wissen muss: einfach versteckt.

Grafische Tabelle in der SZ
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 16.07.2008.